Verbund Epidemiologie

Die AgeCoDe-Kohorte

Früherkennung, natürlicher Verlauf und Versorgungssaufwand der
degenerativen Demenz in der hausärztlichen Versorgung

PI (W. Maier, Bonn; M. Scherer, Hamburg)

Hintergrund

Demenzen bei neurodegenerativen Erkrankungen beginnen schleichend. Daher ist es schwer, eine frühe Diagnose sowie eine Prognose für den Verlauf der Erkrankung zu stellen. Die Aufgaben von Früherkennung, Prognosestellung und Prävention liegen insbesondere bei Hausärzten, die mehr als 90% der Altenbevölkerung medizinisch betreuen. Kritisch ist dabei z. B. die Abgrenzung zwischen physiologischen Alterungsprozessen (Altersvergesslichkeit) und pathologischem Altern (Demenzen und ihre Vorstadien), v. a. im höheren Lebensalter (>85J.). Für diese Aufgaben stehen derzeit keine aussagekräftigen Verfahren zur Verfügung, die in der breiten Routineversorgung einsetzbar wären.

Vorhabenziele

Im Rahmen dieses Projektes wird untersucht, welche Faktoren die Entstehung und den Verlauf einer demenziellen Erkrankung beeinflussen. Für diese Ziele wurde di e AgeCoDe-Kohorte in der Altenbevölkerung aufgebaut; diese Kohorte wird in dieser Förderphase fortgeführt.

Ziele im Einzelnen:

  • Entwicklung von Instrumenten zur Vorhersage von Demenzen im Alter.
  • Abbildung der Neuerkrankungen an degenerativen Demenzen in hohem Alter (> 85 Jahre).
  • Langfristige Prädiktion und Risikofaktoren von Demenzen in der Altenbevölkerung
  • Bestimmung der Vorhersagegültigkeit neuropsychologischer Tests und hausärztlicher Einschätzungen der kognitiven Leistungsfähigkeit für das Auftreten einer Demenz
  • Bestimmung und Vorhersage der Entwicklungsgeschwindigkeit des kognitiven und funktionalen Abbaus bei Demenzen.
  • Vorhersage von Komorbidität und Mortalität bei degenerativer Demenz.
  • Untersuchung der Entwicklung des Bedarfs, der Inanspruchnahme und der Kosten ärztlicher und pflegerischer Leistungen durch demente Patienten.
  • Charakterisierung kognitiver Alterungsprozesse in der Bevölkerung
  • Arzneimittelgebrauch (Pharmakoepidemiologie) in der Altenbevölkerung
  • Inanspruchnahme, Versorgung und Kosten von Demenzen

Design: die AgeCoDe-Kohorte

Probanden wurden 2002-2003 zufällig aus Registern ausgelesener Hausarztpraxen in 6 Studienregionen ausgewählt. Auswahlkriterien waren Alter ≥75J; keine Demenzdiagnose, sonst aber diagnostisch keine Einschränkung; Deutsch als Muttersprache; keine Pflegeheimbewohner. Zur Baseline wurden 3.327 Personen in die Studie eingeschlossen und untersucht. Die Probanden werden in der eigenen Wohnung in Intervallen von 18 Monaten von geschulten Untersuchern bezüglich kognitiver und funktionaler Leistungsfähigkeit, Komorbidität, Versorgungsbedarf und Inanspruchnahme des Gesundheitswesens interviewt und gestestet (siehe Abb.).

Zusätzlich wird der Hausarzt hinsichtlich des Gesundheitszustands und des kognitiven Status des Probanden befragt und es werden Blutentnahmen durchgeführt. Probanden mit leichter kognitiver Beeinträchtigung und degenerativer Demenz werden  darüber hinaus in Sechsmonatsabständen zusätzlich untersucht. 

In dieser Förderphase stehen die Follow-up-Untersuchungen V und VI an.

Zentrale Ergebnisse der bisherigen Studienlaufzeit:

  • Subjektive Gedächtnisbeeinträchtigung mit Sorge über die wahrgenommene Beeinträchtigung zur Baseline ist mit der Konversion zu Demenz (HR 3,53; CI 2,07-6,03) oder Alzheimer Demenz (HR 6,54; CI 2.82-15,20) nach 1,5 oder 3 Jahren assoziiert. Insbesondere subjektive Gedächtnisbeeinträchtigung zur Baseline und amnestic MCI zu Follow-up 1 erhöhen das Konversionsrisiko zu einer Demenz (OR 29,24; CI 8,75-97,78) (1).
  • Es wurde ein Risikoscore entwickelt, um Hochrisikopatienten für die Konversion zur Alzheimer Demenz in der hausärztlichen Praxis zu identifizieren. Der Score beinhaltet die folgenden Einflussgrößen: Alter, subjektive Gedächtnisbeeinträchtigung, verzögerter Abruf verbaler Informationen, Wortflüssigkeit, Mini-Mental-Status-Test, Beeinträchtigung in den instrumentellen Aktivitäten des täglichen Lebens. Die Charakteristika des Risikoscores sind: AUC 0,79,  Sensitivität 79,6%, Spezifität 66,4%, positiver prädiktiver Wert 14,7%, negativer prädiktiver Wert 97,8% (2).
  • Die jährlichen Nettokosten einer Demenzerkrankung sind abhängig vom Stadium der Erkrankung: leichtes Stadium 15.000 €, mittleres Stadium: 32.000 €, schweres Stadium 42.000 €. In allen Stadien fallen ¾ der Kosten im Bereich der Pflege an, davon sind die Hälfte informelle Leistungen (3).

Kooperationspartner

  • Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Bonn
  • Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • Abteilung für Allgemeinmedizin, Heinrich-Heine Universität Düsseldorf
  • Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Leipzig
  • Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim
  • Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, TU München
  • Zentrum für Biometrie, Medizinische Hochschule Hannover
  • Institut für Medizinische Soziologie, Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Abbildung

AgeCoDe Kohorte

Literatur

1.     Jessen F, Wiese B, Bachmann C, Eifflaender-Gorfer S, Haller F, Kolsch H, u. a. Prediction of Dementia by Subjective Memory Impairment: Effects of Severity and Temporal Association With Cognitive Impairment. Arch Gen Psychiatry. 2010 Apr 1;67(4):414–22.
2.     Jessen F, Wiese B, Bickel H, Eiffländer-Gorfer S, Fuchs A, Kaduszkiewicz H, u. a. Prediction of dementia in primary care patients. PLoS ONE. 2011;6(2):e16852.
3.     Leicht H, Heinrich S, Heider D, Bachmann C, Bickel H, van den Bussche H, u. a. Net costs of dementia by disease stage. Acta Psychiatrica Scandinavica [Internet]. 2011 Aug 13 [zitiert 2011 Sep 18];Available from: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21838738

Förderung

Dieses Vorhaben wurde im Rahmen des Kompetenznetzes Demenzen (KND, 2002-2007) begonnen und wird im Rahmen des Kompetenznetzes Degenerative Demenzen (KNDD) fortgeführt. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert (Förderkennzeichen KND: 01GI0102, 01GI0420, 01GI0422, 01GI0423, 01GI0429, 01GI0431, 01GI0433, 01GI0434; Förderkennzeichen KNDD: 01GI0710, 01GI0711, 01GI0712, 01GI0713, 01GI0714, 01GI0715, 01GI0716, 01ET1006B).