Verbund FTLD

FTLD

Konsortium zur Erforschung der frontotemporalen Lobärdegeneration

Mehr über unser Projekt erfahren Sie unter: www.ftld.de

Hintergrund

Der Begriff der frontotemporalen Lobärdegeneration (FTLD) umfasst ein Spektrum von neurodegenerativen Erkrankungen, die vorwiegend den Frontal- und Temporallappen des Gehirns betreffen. Zunächst war der Begriff Pick-Erkrankung prägend für diese Erkrankungsgruppe, der Name und die Klassifikation der frontotemporalen Lobärdegeneration ist aber immer wieder verändert und heftig diskutiert worden. Gegenwärtig fassen wir die folgenden Erkrankungen unter dem FTLD-Spektrum zusammen:

  • Die frontotemporale Demenz (FTD) als Verhaltensvariante,
  • die primär nicht-flüssige Aphase (PNFA) und
  • die sematische Demenz (SD) als sprachliche Varianten,
  • die Amyotrophe Lateralsklerose mit frontotemporaler Demenz (ALS+FTD),
  • das corticobasale Syndrom (CBS) und
  • die progrediente supranukleäre Blickparese (PSP).

Neben den beiden vorwiegenden Symptomgruppen (Verhaltensauffälligkeiten bzw. Sprachstörungen) können auch extrapyramidal-motorische Symptome auftreten, insbesondere beim corticobasalen Syndrom und der progressiven supranukleären Parese.
Zur Häufigkeit der Erkrankung gibt es nur wenige Studien. Manche gehen von einer Inzidenz von etwa drei Patienten pro 100 000 Einwohner aus, andere beschreiben 15 Personen pro 100 000 Einwohner, andere gehen wieder von Zahlen von über 40 pro 100 000 aus. Festzuhalten bleibt, dass die Gruppe der frontotemporalen Lobärdegeneration die zweithäufigste Demenzerkrankung unter 65 Jahren ist. Bezüglich der Ätiologie sind in den letzten Jahren wesentliche Fortschritte erzielt worden. So konnten von neuropathologischer Seite Tau-Aggregate, TDP43-Ablagerungen und FUS-Ablagerungen identifiziert werden. Weiterhin wurden von genetischer Seite einige Risikogene beschrieben. Therapeutisch ist allerdings selbst die symptomatische Behandlung beim FTLD-Spektrum umstritten. Ein wesentliches Ziel unseres Konsortiums ist es, Parameter zu entwickeln und zu evaluieren, die sowohl eine Frühdiagnose als auch eine Verlaufsbeobachtung von Patienten mit frontotemporaler Lobärdegeneration erlauben, um letztendlich effektive und objektive Zielgrößen für therapeutische Strategien zu entwickeln.

Netzwerk

Das FTLD-Netzwerk setzt sich aus 11 Zentren zusammen. Dies sind klinischen Zentren, Zentren für Translation Research und assoziierte klinische Zentren. 

Ein Überblick findet sich unter Standorte.

Die 11 Zentren des FTLD-Netzwerks

Krankheitsbild

Das Spektrum der frontotemporalen Lobärdegeneration

Die frontotemporalen lobären Degenerationen (FTLD) stellen eine Gruppe von neurodegenerativen Erkrankungen dar, deren Leitsymptome Veränderungen der Persönlichkeit, des Sozialverhaltens und der sprachlichen Fähigkeiten sind. Die Gemeinsamkeit des makroskopischen neuropathologischen Befundes hat den FTLD ihren Namen gegeben. 



Mit unterschiedlich scharfer Begrenzung gegen die umgebenden, nicht betroffenen Areale erstreckt sich die zerebrale Atrophie auf den frontalen und/ oder temporalen Kortex, also das Stirnhirn und die Schläfenlappen.



Die erste Beschreibung einer FTLD erfolgte durch den Prager Neurologen Arnold Pick im Jahre 1892, weswegen die Erkrankung ursprünglich als „Pick-Krankheit“ bezeichnet wurde. Er publizierte den Fall eines 71-jährigen Patienten mit einer „progressiven Geistesschwäche”, bei dem eine „hochgradige Sprachstörung” auffiel. Rund 100 Jahre später wurden in einer Konsensuskonferenz erstmals die klinischen und pathologischen Kriterien der FTLD, in den „Lund-Manchester Kriterien“ definiert. Seit der Revision dieser Kriterien 1998 werden die frontotemporale Demenz (FTD, die auch als frontale Variante der FTD, fvFTD oder behaviorale Variante der FTD, bvFTD bezeichnet wird), die semantische Demenz (SD) und die progrediente, nicht-flüssige Aphasie (PNFA) als die drei prototypischen Syndrome unterschieden, die durch FTLD in Abhängigkeit von der Lokalisation des neurodegenerativen Prozesses verursacht werden.

Epidemiologie

Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei durchschnittlich rund 58 Jahren, wobei einige Patienten schon im vierten oder gar dritten Lebensjahrzehnt erkranken, bei anderen Patienten die ersten Symptome dagegen erst im fortgeschrittenen Alter auftreten. Von der FTD und SD scheinen etwas mehr Männer als Frauen betroffen zu sein, bei der NFPA ist das Geschlechtsverhältnis in etwa ausgeglichen. Der durchschnittliche Krankheitsverlauf von Krankheitsbeginn bis zum Tod beträgt durchschnittlich 6 Jahre. Es gibt rasch progrediente Krankheitsverläufe ebenso wie sehr schleichende Verläufe.

Risikofaktoren

Bei Patienten mit FTD wird die Häufigkeit von gleichartigen Sekundärfällen unter den Verwandten ersten Grades mit rund 30% angegeben. Allerdings liegt nur in etwa 10% der Fälle ein klarer, autosomal dominanter Erbgang vor. Als molekulare Grundlage von zumindest einem Teil dieser familiären Krankheitsfälle konnten unter anderem Mutationen im Tau-Gen und im Progranulin-Gen auf Chromosom 17 gesichert werden. Hinweise darauf, dass erhöhter Blutdruck, Schilddrüsenstörungen, Schädelhirn-Traumata oder andere somatische oder psychiatrische Erkrankungen bzw. Toxine das Risiko erhöhen, an einer Erkrankung aus dem Formenkreis der FTLD zu erkranken, gibt es bislang nicht.

Diagnostik

DiagnostikIn der klinischen Praxis meist offensichtlicher sind die sprachbetonten Varianten der FTLD. Die jeweils typische Aphasie fällt dem etwas geschulten Ohr in jedem Fall auf. Schwieriger ist meist die Diagnostik der FTD. Dies liegt vor allem darin begründet, dass die kognitiven Beeinträchtigungen nicht im Vordergrund stehen. Ihr Vorliegen ist in den Diagnosekriterien noch nicht einmal gefordert. Altersentsprechendes Abschneiden in den üblicherweise verwendeten Screeningtests und Demenztests ist bei Patienten mit FTD keine Seltenheit. Persönlichkeitsveränderungen lassen oftmals – je nach Qualität und Quantität – eher an das Vorliegen einer Depression oder eines burn-out-Syndroms denken, in einigen Fällen an die Negativsymptome einer Schizophrenie, selten an eine Manie oder eine Zwangserkrankung. Auch können die Veränderungen sich zu Beginn so darstellen, dass sie mit dem „normalen“ Altern in Verbindung gebracht werden („Midlife crisis“ oder „Altersrigidität“). Zur Exploration von möglichen Wesensveränderungen ist eine ausführliche Fremdanamnese unerlässlich. Nur damit lassen sich Veränderungen im Vergleich zur prämorbiden Persönlichkeit aufdecken. Eine ausführliche neuropsychologische Untersuchung ist im diagnostischen Prozess notwendig, um die individuellen Schwächen des Betroffenen herauszuarbeiten. In der Diagnostik der FTLD sind neben der Erhebung der klinischen Symptomatik und der neuropsychologischen Testung Befunde der strukturellen und funktionellen Bildgebung zur Differentialdiagnostik hilfreich. Der Einsatz funktioneller bildgebender Verfahren, z.B. der kranialen Positronenemissionstomographie (PET) zur Messung des zerebralen Stoffwechsels, bietet sich gerade in der Frühdiagnostik an, da Stoffwechselveränderungen den strukturellen Hirnveränderungen vorausgehen. Eine Liquorpunktion sollte vor allem in diagnostisch unklaren Fällen und zur Abgrenzung von anderen Erkrankungen weitere Aufschlüsse geben. Eine sichere Diagnostik der Erkrankung kann bislang erst nach dem Tod im Rahmen einer Obduktion erfolgen. Dies macht die Erforschung der Erkrankung so schwer, da zu wenig Daten zum klinischen Verlauf und zum späteren Befund der Obduktion vorliegen.

Therapie

Die Medikamente, die derzeit zur Behandlung der Alzheimer-Demenz eingesetzt werden, wie Donepezil, Rivastigmin, Galantamin oder Memantin, sind bei den FTLD weitgehend wirkungslos. Bei den FTLD konnten Veränderungen der postsynaptischen Serotonin-Rezeptoren nachgewiesen werden, sowie eine Reduktion der Serotonin-Rezeptor-Bindung im frontalen und temporalen Kortex. Demzufolge wird derzeit einheitlich zur Behandlung mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) geraten. Insbesondere atypische Antipsychotika werden zur Behandlung von aggressivem, enthemmtem oder agitiertem Verhalten eingesetzt, wobei berücksichtigt werden muss, dass Patienten mit FTD überdurchschnittlich häufig EPMS als Nebenwirkungen der Antipsychotika entwickeln. Über nicht-medikamentöse Behandlung, vor allem Physiotherapie und Logopädie gibt es bisher weder Einzelfallbeschreibungen noch kontrollierte Studien. Im Rahmen eines Gesamt-Managements des Patienten sollten solche Methoden in jedem Fall in den Behandlungsplan aufgenommen werden, da von einem Nutzen für den Patienten ausgegangen werden kann.

Angehörigenberatung

Viele der Probleme, die auf den Angehörigen von Patienten mit FTLD lasten, unterscheiden sich nicht von denen der Bezugspersonen von Patienten mit Alzheimer-Krankheit oder anderen Demenzursachen. Zu diesen unspezifischen Belastungsfaktoren zählen patientenbezogene Merkmale wie Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten, im Verlauf auftretende, nicht-kognitive Symptome, zunehmende Hilflosigkeit der Patienten bei Alltagsaktivitäten sowie fortschreitende Pflegebedürftigkeit. Angehörige von Patienten mit FTLD leiden jedoch unter zusätzlichen, ganz besonderen Problemen. Diese sind in erster Linie auf drei Ursachen zurück zu führen: die vergleichsweise geringe Häufigkeit der FTD, das relativ junge Alter der Betroffenen, auf die von Beginn an im Vordergrund stehenden Verhaltensauffälligkeiten der Patienten. In den USA ist die Betreuung der Angehörigen seit langem wesentlicher Bestandteil des Managements von Patienten mit FTLD. Die "Association for Frontotemporal Dementia" hat mit www.FTD-Picks.org einen ausgesprochen informativen (englischsprachigen) Internetauftritt. In Deutschland nimmt sich die Deutsche Alzheimer Gesellschaft www.deutsche-alzheimer.de vermehrt dieses Themas an. Ein „Informationsblatt FTD“ ist von den Webseiten abrufbar, in der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift „Alzheimer-Info“ erscheinen regelmäßig Artikel über die FTD. Zudem organisiert die Deutsche Alzheimer Gesellschaft jährliche Fachtagungen zum Thema „Frontotemporale Demenz“, in denen Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und Angehörige von Patienten mit FTLD vor medizinischem Fachpersonal und Angehörigen referieren und diskutieren. Von einigen Kliniken bzw. regionalen Alzheimer-Gesellschaften wurden in Deutschland mittlerweile Angehörigengruppen speziell für Angehörigen von Patienten mit FTLD gegründet, so beispielsweise in Berlin, Göttingen, Hamburg und München

 

Mehr über unser Projekt erfahren Sie unter: www.ftld.de